Maria Jones - das tragische Schicksal einer Heldin
[Im Präsidentenpalast, irgendwo in Südamerika. Doña Elvira Gomez, die First Lady, sitzt am Arbeitstisch ihres Mannes. Vor wenigen Stunden fiel der vom Volk gehaßte Dikatator Carlos Gomez einem Attentat zum Opfer. Seine Witwe schwört Rache und nimmt die Geschicke des Landes in ihre Hand. Sie ist mit ihren 43 Jahren noch immer eine attraktive Frau. Vor ihr steht Señor Sanchez, der wichtigste Berater der Präsidentenfamilie.]
Elvira Gomez:
Sanchez, wie konnte das passieren? Wie konnte diese Gruppe von Terroristinnen
in den Palast eindringen?
Sanchez:
Sie müssen über den Keller gekommen sein. Ihre Anführerin,
diese Maria Jones, hat hier früher mal gearbeitet. Sie kannte sich
daher wohl sehr gut aus.
Elvira Gomez:
Aber wie konnte sie an den Wachen im oberen Stockwerk vorbeikommen?
Sanchez:
Señora Presidente, es tut mir sehr leid, Ihnen das jetzt
sagen zu müssen, aber diese Jones arbeitete sehr eng mit ihren verstorbenen
Gatten zusammen.
Besonders abends, wenn sie verstehen, was ich meine. Daher schöpften
die Wachen wohl keinen Verdacht, als sie die Treppe heraufkam.
Elvira Gomez:
Also hat mir dieses Flittchen meinen Mann schon vorher genommen.
Das soll sie büssen. Sanchez, setzen sie alles in Bewegung um ihrer
habhaft zu werden. Und Gnade ihnen Gott, wenn sie uns nur tot in die Hände
fällt.
[Das Telefon klingelt. Sanchez nimmt ab, nickt zustimmend und legt bald wieder auf.]
Sanchez:
Señora Presidente, ich glaube, ich kann sie beruhigen. Soeben
wurden Maria Jones und ihre Komplizinnen gefangen genommen. Sie sind bereits
auf den Weg hierher und werden bald eintreffen.
[Es klopft. Die Tür geht auf. Maria Jones, Carmen Gonzales, Matilda Tartés und Isabel Astoja werden herein geführt. Ihre Hände sind mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt. Maria Jones trägt noch immer das elegante rote Kostüm, in dem erst sie vor wenigen Stunden den Präsidenten ermordet hatte. Auch die anderen Frauen sind elegant gekleidet.]
Elvira Gomez:
Warum haben sie unseren gütigen Landesvater getötet? Hat
er sich nicht fürsorglich um sein Volk gekümmert? Wieso kommt
solcher Abschaum wie sie daher, und nimmt diesem treuen Volk seinen geliebten
Vater?
Maria Jones:
Señora Presidente, was wir getan haben, haben wir im Auftrag
des Volkes getan. Ein Volk, welches so schlecht behandelt wird, hat nur
noch eine Wahl - die Ablösung der Präsidenten!
Elvira Gomez:
Und nun, was hat es euch gebracht? Geht es dem Volk jetzt etwa besser?
Ich will Ihnen mal etwas sagen: Präsident Gomez war ein Schwächling.
Er konnte nie etwas allein zu Stande bringen. Immer war er auf meine Unterstützung
angewiesen. Ich war es, die die Geschicke dieses Landes lenkte. Und wie
sie sehen - ich lebe noch!
Isabel Astoja:
Auch sie werden eines Tages den Zorn des Volkes zu spüren bekommen!
Elvira Gomez:
Schweig, du kleines Flittchen. Terroristen wie euch habe ich es
zu verdanken, dass ich mich nunmehr als Präsidenten vereidigen lassen
kann. Die Zeremonie findet morgen statt. In meiner unendlichen Güte
erlaube ich euch, diesem Akt am Fernsehen beizuwohnen. Danach jedoch werdet
ihr vier den Nachmittag gestalten. Ich erlasse daher folgendes Edikt: Die
vier Mitglieder einer Terroristenbande werden des gemeinsamen Mordes angeklagt
und morgen nachmittag auf der Plaza vor dem Presidentenpalast öffentlich
gehenkt. Das genaue Gerichtsurteil lasse ich heute abend noch verfassen.
Es wird ihnen morgen, kurz vor der Vollstreckung vorgelesen werden. Sanchez,
lassen sie sie wegbringen und sorgen sie dafür, dass heute noch ein
Galgen aufgebaut wird und morgen sich das Volk dort versammelt. Es soll
zuschauen, wie seine Heldinnen einen letzten Tanz aufführen.
Sanchez:
Jawohl, Señora Presidente!
[Sanchez tut, wie ihm geheißen. Er verläßt den Raum
und kommt bald darauf
wieder]
Sanchez:
Señora Presidente, darf ich sie auf ein Problem aufmerksam
machen?
Elvira Gomez:
Sprechen Sie Sanchez. Ich vertraue ihrer Erfahrung.
Sanchez:
Diese Jones wird vom Volk verehrt. Unsere Agenten melden, dass in
den Kirchen offen für sie gebetet wird. Die Lage ist ernst. Wenn wir
sie morgen aufhängen, erschaffen wir eine Märtyrerin. Um die
anderen ist es nicht schade, aber bei der Jones sehe ich eine Gefahr
auf uns zukommen...
Elvira Gomez:
Hmm, sie haben recht. Wenn wir Sie aufhängen, wird es einen
Aufstand geben. Räumen wir sie heimlich aus dem Weg, dann sowieso.
Trotzdem soll die Hure büssen.
[Sie geht im Zimmer auf und ab]
Ich habe es. Die Jones wird sich selbst richten, nach dem sie für
uns die Henkerin gespielt hat und sie beim Volk in Ungnade gefallen ist.
Sanchez, bringen sie die Jones noch mal her!
[Kurze Zeit später steht Maria Jones erneut mit gefesselten Armen vor ihrer Präsidentin]
Elvira Gomez:
Señora Jones, ich habe gehört, das Volk verehrt sie.
Es heißt sie seien so etwas, wie der weibliche Messias?
Maria Jones:
Worauf wollen sie hinaus?
Elvira Gomez:
Nun, es wären wirklich schade, sie morgen hängen zu sehen.
Wahrlich kein schöner Anblick, sage ich ihnen. Stellen sich nur vor,
wenn der Block unter ihren Füssen weggestossen wird. Die Schlinge
wird ihren wunderschonen Hals zuschnüren. Ihr hübsches Gesicht
wird unansehnlich anschwellen. Das schöne Kostum, das sie jetzt tragen,
es würde durch ihren Urin ruiniert. Alles in allem, kein schöner
Anblick. Hatte ich übrigens bereits erwähnt, dass es in diesem
Lande bei Strafe verboten ist, Gehenkte vom Galgen abzuschneiden? Sie werden
also noch ein paar Tage da draußen an der frischen Luft baumeln,
bis die Krähen satt sind...
Maria Jones:
Warum erzählen sie mir das alles?
Elvira Gomez:
Señora Jones, ich biete ihnen ihr Leben. Und nicht nur das.
Es steht ihnen sogar frei, das Land zu verlassen. Eine finanzielle Unterstützung
durch den Staat ist dabei selbstredend.
Maria Jones:
Wie lautet die Bedingung?
Elvira Gomez:
Uns fehlt ein Henker. Señor Rebacho, den wir üblicherweise
für derartige Tätigkeiten engagieren, hat ausrichten lassen,
dass es gegen seine Ehre ist, schöne Frauen aufzuhängen, und
er deshalb morgen nicht zur Verfügung stünde.
Maria Jones:
Und sie glauben, ich lasse mich auf diesen dreckigen Handel ein?
Elvira Gomez:
Es wird ihnen nicht anderes übrigbleiben. Entweder sie hängen
ihre Komplizinnen persönlich oder aber der Galgen wird um einige Stricke
bereichert. Wir haben nämlich den Verdacht, dass ihre beiden Schwestern
ebenfalls zu den Verschwören gehören.
Maria Jones:
Sie sind eine Bestie Señora Presidente. Ich werde ihren Vorschlag
annehmen und tun, was sie verlangen. Aber eines Tages wird das Volk sich
an ihnen rächen. Verlassen sie sich darauf.
Elvira Gomez:
Nun, das wird sich zeigen. Zunächst einmal danke ich ihnen
für ihre Mitarbeit. Für die nächsten 24 Stunden werden sie
in einem besonderen Raum untergebracht werden. Wir nennen ihn den "goldenen
Käfig". Ruhen sie sich aus, und bereiteten sie sich auf ihre morgige
Arbeit vor. Ich werden ihnen einige Bücher zukommen lassen, aus denen
Sie die rchtige Durchführung eine Hinrichtung entnehmen können.
Übrigens, unser Handel gilt nur, wenn sie ihre Tätigkeit bei
allen drei Verurteilten bis zum Schluss persönlich
durchführen. Es wäre wirklich Schade um sie, wenn eine
Ihrer Komplizinnen es vorzöge, selbst vom Block zu springen. Auf Wiedersehen,
Señora Jones.
[Maria Jones und Sanchez verlassen den Raum]
***
[Am darauffolgenden Tag. Tausende von Menschen versammeln sich auf
der Plaza vor dem Präsidentenpalast, um dem Spektakel zuzuschauen.
In der Mitte des Platzes wurde auf einem hohen Podest ein Galgen errichtet.
Am Querbalken hängen drei daumendicke Schlingen. Unter einer der Schlingen
steht eine stabile Holzkiste mit der Öffnung nach unten. Carmen Gonzales,
Matilda Tartés und Isabel Astoja werden unter starker Bewachung
zum Galgen geführt. Ihre Hände sind auf dem Rücken gebunden.
Die Stufen zum Podest erklimmen die drei unter Begleitung der Gefängnisdirektorin
allein. Sie
stellen sich dicht neben der Treppe auf. Die Menge schweigt gespannt.
Hier und da erklingt aus der Menge der Ruf "Viva Maria!"]
Garmen Gonzales:
Ich war noch nie bei einer Hinrichtung dabei. Ich bete zu Gott,
dass er mir die Kraft gebe, bis zum Ende durchzustehen.
Matilda Tartés:
Schwester, ich bete mit dir und für Maria. Ich möchte
mir gar nicht erst vorstellen, was sie mit ihr gemacht haben.
Die Gefängnisdirektorin:
Carmen Gonzales, Matilda Gañana und Isabel Astoja - sie sind
des gemeinsamen Mordes an unserem geliebten Präsdidenten Carlos Gomez
für schuldig befunden worden. Sie wurden zu diesem Galgen geführt,
damit an ihnen nunmehr das gerechte Urteil vollstreckt werden kann. Jede
von ihnen wird an ihrem Hals aufgehangen, auf das der Tot eintritt. Ihr
Hab und Gut wird konfisziert. Das recht auf eine christliche Bestattung
wird ihnen
verwehrt. Möge der Herr ihrer Seele gnädig sein.
[Maria Jones kommt die Treppe zum Galgen herauf. Ihre Hände sind nicht gefesselt. Sie trägt ein teures Kostüm in schwarzer Farbe, sowie Handschuhe. Sie geht langsam und mit gesenktem Haupt.]
Die Gefängnisdirektorin: [Zur Menge gewandt]
Die Hinrichtung wird durchgeführt von Señora Maria Jones.
[Zu Maria Jones gewandt]
Frau Jones, vollstrecken sie bitte die Urteile!
Isabel Astoja:
Ich kann es nicht glauben. Maria, wirst du unsere Henkerin sein?
Maria Jones: [mit zittender Stimme]
Es ist wahr. Mir wurde die Freiheit versprochen, wenn ich auf aufhänge.
Tue ich es nicht, werden sie auch meine beiden Schwestern hängen.
Mir bleibt keine andere Wahl. Ich versichere euch jedoch, dass euer Tod
gerächt werden wird.
Die Gefängnisdirektorin:
Frau Jones, beginnen sie bitte mit der Vollstreckung der Urteile,
wir haben hier schließlich nicht ewig Zeit [Sie lächelt verlegen.]
Maria Jones: [mit zittender Stimme]
Carmen, ich möchte, dass du die Erste bist.
[Sie fast Carmen am Arm und führt sie zur ersten Schlinge]
Carmen Gonzales:
Maria, ich vertraue deinen Worten und vergebe dir. Sage bitte meiner
Mutter, dass ich bis zuletzt an sie gedacht habe.
[Sie versucht, auf die Kiste zu steigen, aber der eng zugeknöpfte Ledermantel, den sie trägt, behindert sie. Da ihre Hände auf dem Rücken gefesselt sind, verliert sie in ihren hochhackigen Schuhen fast das Gleichgewicht. Maria fängt sie auf, und hilft ihr beim Erklimmen des Blockes. Nachdem Carmen sicheren Halt auf der Kiste gefunden hat, steigt Maria ebenfalls darauf, um das Seil besser erreichen zu können. Sie legt Carmen die Schlinge um den Hals und legt Carmens Haare zurecht. Dann zieht sie die Schlinge zu, so dass sie eng an Carmens Hals anliegt. Carmen fängt leise an zu weinen.]
Maria Jones:
Bist du bereit, Carmen?
[Carmen nickt schluchzend. Maria stößt die Kiste unter
Carmens Füssen weg. Carmen strauchelt und fällt dann mit ihrem
gesamten Gewicht in die Schlinge, welche sich ruckartig zusammenzieht.
Mit ihren Füßen sucht sie verzweifelt nach einem sicheren Halt.
Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie auf ihre Henkerin. Urin tropft
zu Boden. Carmens Körper dreht sich. Sie schwingt noch einige Male
hin und her, eher ihre heftigen Bewegungen
nachlassen. Matilda und Isabel starren fassungslos auf das Geschehen.]
Matida Tartés:
Sie hat es getan! Ich kann es einfach nicht glauben.
[Zu Maria gewandt]
Carmen hat immer zu dir aufgesehen. Sie hat dich nahezu angebetet.
Dir zu Liebe hat sie bei uns mitgemacht. Und jetzt hängt sie hier
erbärmlich am Galgen, während du die elegante Henkerin spielst.
Ich hasse dich.
Maria Jones:
Matilda, versteh doch! Ich hatte keine andere Wahl ...
Matida Tartés:
Du machst es dir zu einfach, mein Liebe. Du hattest sehr wohl eine
Wahl. Aber du hast uns verraten, du hast unsere Sache verraten, du hast
das Volk verraten. Du bist nichts weiter als eine eiskalte Agentin der
Regierung ...
Maria Jones:
Das ist nicht wahr ...
Die Gefängnisdirektorin: [eindringlich]
Frau Jones, vollstrecken sie bitte die Urteile ...
[Maria Jones klammert sich an Matildas Arm und will sie zu nächsten freien Schlinge führen. Matilda wehrt sich heftig.]
Matida Tartés:
Seht, Leute! Damit diese Hure sich beruhigt zurückziehen kann,
soll ich als Nächste sterben. Tut doch was dagegen. Wir haben den
alten Gomes für euch zur Hölle geschickt! Es lebe die Revolution!
Tötet die Präsidentin! Tötet ihre Helfershelfer!
[Maria hat Matilda inzwischen bis zur Kiste gezerrt. Doch Matilda weigert sich erfolgreich, auf die Kiste zu steigen. Maria schaut etwas ratlos nach der Gefängnisdirektorin. Diese kommt herbei und zieht kräftig an Matildas Ohr, so dass Matilda, um den Schmerzen zu entgehen, auf die Kiste steigt.]
Die Gefängnisdirektorin: [zu Maria Jones]
Das ist typisch für euch Hobbyrevoluzzer! Auf den Präsidenten
könnt ihr schiessen, aber wie man eine Mörderin aufhängt,
davon habt ihr keine Ahnung.
[Maria hat es in der Zischenzeit geschafft, Matilda die Schlinge
um den Hals zu legen und zuzuziehen. Für Matilda gibt es keine Chance
mehr, zu entkommen. Sie gibt ihren Widerstand auf und fängt leise
an, zu beten. Die Jacke ihres hellgrauen Kostüms hat sich durch die
heftigen Bewegung teilweise geöffnet. Maria tritt zu ihr heran und
schliesst die Knöpfe wieder. Dabei bemerkt sie die heftigen Bewegungen
von Matildas Brust. Sie
begreift, das Matilda panische Angst hat vor dem, was jetzt kommt.
Wie zu Bestätigung fließt plötzlich ein kleines Rinnsal
gelber Flüssigkeit an Matildas rechtem Innenbein hinab.]
Maria Jones:
Bist du bereit zu sterben, Matilda?
Matilda Tartés:
Warum soll ich bereit sein zum Sterben? Kannst du dir dieses Gefühl
überhaupt vorstellen, wenn du hier oben stehst mit dem Strick um den
Hals und das ganze Land gafft dich an, weil es dich lieber jetzt als später
hängen sehen möchte?
Maria Jones:
Ja, ich kann mir das sehr gut vorstellen. Jetzt aber wollen wie
die Gaffer nicht länger warten lassen. Adios, Matilda ...
[Mit einem heftigen Tritt stößt sie die Kiste unter Matildas Füßen beiseite]
Matilda Tartés:
Auf Wiedersehen in der Höll.. krhh.
[Mehr kann Matilda nicht mehr sagen. Sie strauchelt und fällt.
Das Seil um ihren Hals zieht sich mit einem Ruck zusammen. Unwillkürlich
macht sie eine halbe Drehung. Bei ihrem Versuch nach Maria zu treten, trifft
sie den leblosen Körper von Carmen. Dadurch fangen beide Frauen heftig
an, hin und her zu schwingen. Jedesmal, wenn sie dabei zusammenprallen,
sieht man ein kurzes Zucken in Matildas Beinen. Nach ein paar Minuten läßt
das Pendeln nach. Beide Frauen hängen jetzt leblos am Galgen. Matildas
Augen sind geschlossen. Durch den weitgeöffneten Mund kommt eine blau
angelaufene
Zunge zum Vorschein. Die Menge schweigt. Die "Viva Maria"-Rufe sind
schon seit einiger Zeit verstummt. Immer öfter hört man jetzt
den Ruf "Mörderin!"]
Die Gefängnisdirektorin: [zu Maria Jones]
Und, ich hatte schon gedacht, sie würden diese Zicke nie ins
Jenseits
befördern.
Maria Jones:
Machen sie ruhig ihre dreckigen Scherze. Eines Tages wird ihnen
das Lachen schon vergehen.
Die Gefängnisdirektorin:
Sie sollten ihr loses Mundwerk besser schliessen. Es ist noch eine
Menge Platz an diesem Galgen, und ich glaube, das Volk hier würde
ihren Tod sicherlich begrüßen.
[zu Isabel Astoja]
Nun, mein Kind, sind sie an der Reihe. Ich weiß gar nicht,
was dich dazu getrieben hat bei diesen Mördertrio mitzumachen. Als
ich so alt war, haben wir uns viel lieber um die Jungs in den Bars gekümmert.
Aber wie sagt man so schön: Mitgefangen, mitgehangen! Entschuldige
bitte meine unbedachte Wortwahl.
Maria Jones:
Unterlassen sie bitte ihre makabren Scherze!
[zu Isabel gewandt]
Wollen wir gehen?
Isabel Astoja:
Ich habe solche schreckliche Angst. Werde ich sehr leiden müssen?
Maria Jones:
Nun ja, ich habe gelesen, dass es sehr schmerzvoll zugehen soll.
Isabel Astoja:
Oh bitte, lasse es nicht soweit kommen.
Maria Jones:
Ich werde sehen, was ich für dich tun kann. Steige bitte schon
mal auf die Kiste.
[Isabel steigt wortlos auf die Kiste. Die Schlinge schlägt ihr
ins Gesicht. Sie versucht, das Seil mit dem Kopf wegzustoßen, jedoch
ohne Erfolg. Maria hat sich derweil von einer Frau aus der Menge ein großen
dunkles Kopftuch geben lassen. Sie wirft es über Isabels Kopf und
legt die daumendicke Schlinge um den zarten Hals der jungen Frau. Nachdem
sie die Schlinge zugezogen hat, sitzt das Kopftuch fest. Die Gesichtskonturen
Isabells werden durch den dünnen Stoff hindurch sichtbar. Auch die
heftige Atmung wird im Auf und Ab des Stoffes deutlich sichtbar. Maria
nähert sich dem leblosen Körper von Carmen. Sie öffnet deren
Mantel Knopf für Knopf, und horcht mit ihrem rechten Ohr an der Brust
der gehenkten Freundin, so als ob sie sich überzeugen wolle, dass
diese wirklich tot ist. Anschliessend entfernt sie den ledernen Gürtel
vom Mantel der Toten. Sie geht mit ihrer
Beute zur Kiste, auf der, heftig zitternd, die junge Isabel steht
und auf ihr Ende wartet.
Sie trägt einen langen schwarzen Rock, eine weiße Bluse
und eine rote halbgeöffnete Strickjacke. Mit einer sicheren Bewegung
fesselt Maria die Beine Isabels in Höhe der Waden.]
Maria Jones:
So, das wird die Gaffer hoffentlich davon abhalten, unter deinen
Rock zu schauen.
Isabel Astoja:
Danke, Maria! Ich wußte, dass ich mich auf dich verlassen
kann.
Maria Jones:
Schon gut. Bist du bereit?
Isabel Astoja:
Ja! Tue, was du tun must!
Maria Jones:
Gut. Das wird jetzt ein wenig weh tun. Versuche bitte, dich nicht
allzu sehr zu bewegen. Du verschlimmerst damit nur deine Qualen.
Isabel Astoja:
Fang endlich an!
[Isabel macht einen Schritt nach vorne. Doch noch während sie
das Bein anhebt, stößt Maria die Kiste weg. Isabel fällt
in die Schlinge, die sich sofort um ihren Hals zuzieht. Mit heftigen Beinbewegungen
versucht sie, den Ledergürtel um ihre Waden abzustreifen, jedoch ohne
Erfolg. Maria greift nach einer Hand auf Isabels Rücken und versucht
sie zu beruhigen. Die Bewegungen lassen sofort nach. Kurze Zeit noch ist
das schwere Atmen in der Brust der Gehenkten zu spüren. Dann verstummt
auch dieses. Maria streift die Handschuhe von ihren Händen und wirft
sie der Gefänginsdirektorin vor die Füße. Wortlos und mit
gesenktem Haupt steigt sie vom Galgenpodest. Zurück bleiben die leblosen
Körper ihrer gehenkten Freundinnen. Sie weiß, dass von
nun an Blut an ihren Händen klebt. Ihr Traum, als Heldin in die Geschichte
ihres Volkes einzugehen, ist zerbrochen. Am anderen Ende des Platzes wartet
eine schwarze Limosine auf sie. Sie steigt ein und fährt
zum Flughafen. Ihre Gedanken jedoch verweilen noch lange Zeit bei
den grausamen Geschehnissen an diesem kalten Tag.]
- Fortsetzung folgt -